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| "... er begann das Spiel mit den geisterhaftesten Tönen, die ich je gehört, bis sie in voller Harmonie zusammenflossen und mit wunderbarer sanfter Gewalt von einem Adagio ins andere gingen."(Gottfried Keller über Schnyder von Wartensee) | ||||||||||||
Der Artikel aus dem Lexikon "Musik in Geschichte und Gegenwart" Stichwort "Glasharmonika", (ohne Abbildungen) Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages Bärenreiter und des Autors Sascha Reckert. |
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| II. Geschichte der Glasharmonika
1761 konzertierte auch Edmund Delaval, von Pockrich inspiriert und Mitglied der Royal Society, auf den Musical glasses. Durch ihn sah und hörte Benjamin Franklin, der sich schon seit 1757 in London aufhielt und vor der Royal Society seine Theorien zur Elektrizität erläuterte, nach eigener Aussage zum ersten Mal die Musical glasses. Dieses Erlebnis regte ihn zu einer weiteren Erfindung an, der Glasharmonika. In einem kurz vor seiner Abreise nach Amerika an seinen Freund in Mailand, den Physiker Giovanni Battista Beccaria gerichteten Brief (London, 13. Juli 1762), schrieb er: "Perhaps, however, it may be agreeable to you, as you live in a musical country, to have an account of the new instrument lately added here [...]. You have doubtless heard the sweet tone that is drawn from a drinking glass by passing a wet finger round its brim. [...] One Mr. Puckeridge, a gentleman from Ireland, was the first who thought of playing tunes, formed of these tones. [...] Mr. E. Delaval, a most ingenious member of our Royal Society, made one in imitation of it, [...] which was the first i saw or heard. Being charmed by the sweetness of its tones, and the music he produced from it, i wished only to see the glasses disposed in a more convenient form, and brought together in a narrower compass, so as to admit of a greater number of tones, and all within reach of hand to a person sitting before the instrument [...]. [...] The advantages of this instrument are, that its tones are incomparably sweet beyond those of any other; that they may be swelled and softened at pleasure by stronger or weaker pressures of the finger, and continued to any length; and that the instrument, being once well tuned, never again wants tuning. In honor of your musical language, i have borrowed from it the name of this instrument, calling it the Armonica" (The Works of Benjamin Franklin, hrsg. von J. Sparks, Bd. 6, Boston 1840, s. 245-250, 352; Abb. 4). Durch die erhoffte Vermittlung seines italienischen Freundes und den neuen italienischen Namen des Instrumentes - Armonica -versprach sich Franklin eine rasche Verbreitung seiner neuen Erfindung, wenn sie erst in der damals führenden Musiknation Italien etabliert sei. Anfang 1762 war sein Instrument in London bereits als "Glassy-Chord" bekannt geworden. Seine Wahl des Fürsprechers war in Pater Beccaria nicht die günstigste, da Beccaria mehr ein Mann der Naturwissenschaften und bildenden Künste war, doch Franklin hatte noch nicht die vielen einflußreichen europäischen Freunde wie in seiner späteren Zeit als Staatsmann, und er konnte angesichts seiner bevorstehenden Abreise nicht wissen, wann er je nach Europa zurückkommen würde. Leider geht Franklin in seiner fragmentarischen Autobiographie über seine frühen Jahre in Europa nicht auf den genauen Hergang seiner musikalischen Erfindung ein. Die Spieltechnik war durch die Musical glasses schon eingeführt, und auch die Anbringung einzelner etwa halbkugelförmiger Glasschalen mit einem Halsansatz bzw. Loch im Zentrum ihrer Wölbung, mittels Korkstopfen auf einer horizontalen Achse, war schon 1741 zur Verwendung in Glockenspielen und später auch Uhrenglockenspielen bekannt. Franklin wird allgemein die Idee zuerkannt, die auf einer gemeinsamen Achse befindlichen Glasschalen mit einem Fußantrieb in Rotation versetzt zu haben. Durch die geringen Abstände der einzelnen ineinander montierten Schalen, deren Durchmesser zu den hohen Tönen hin abnimmt, ergeben sich mit Tasteninstrumenten vergleichbare spieltechnische Möglichkeiten. Aus den technischen Einzelheiten bezüglich des Schleifens und Stimmens der Glasschalen, die wir Franklins Brief entnehmen können, geht hervor, daß er intensiv an der Herstellung der ersten Instrumente, die zunächst von g-g¨ reichten, beteiligt war. Seine ersten Instrumente in London baute er zusammen mit Charles James (London), der schon Musical glasses zusammengestellt hatte. Zurück in Amerika arbeitete Franklin weiter an seiner musikalischen Erfindung, wobei unklar ist, ob er gestimmte Glasschalen aus London mitnahm oder in Amerika einen Glasmacher gefunden hat. Das erste Konzert auf der neuen Harmonika (wie die franklinsche Armonica seit ihrer Verbreitung im deutschsprachigen Raum genannt wurde) gab Marianne Davies (1740 - ca. 1818), eine Verwandte von Franklin, schon Anfang 1762 im Great Room in Spring Gardens und kurz darauf in Bristol, London und Dublin. In Amerika spielte Stephen Forrage im Dez. 1764 in den Assembly Rooms in Lodge Alley/Philadelphia als erster die Harmonika in einem öffentlichen Konzert. Marianne Davies unternahm 1768 zusammen mit ihrer Schwester, der sängerin Cecilia Davies (1750-1836), eine Konzertreise durch Europa und insbesondere nach Italien. Franklin hatte Marianne Davies eigens ein Instrument dafür überlassen. Cecilia wurde als "l'Inglesina" in Italien und Europa bald berühmt, während Marianne Davies zu ihren Schülern sogar die Tochter der Kaiserin Maria Theresiadie spätere französische Königin Marie Antoinette, zählte. Beide Schwestern sollen sich mit Glucks Hilfe am Wiener Hof etabliert haben. Sie wohnten bei Joh. a. Hasse, der 1769 für Marianne und Cecilia die Cantata pour soprano, harmonica e orchestre komponierte, nach einer Ode Metastasios, anläßlich der Vermählung der Erzherzogin Maria Amalia mit dem spanischen Infanten Ferdinand von Bourbon, Herzog von Parma. Weitere Harmonikas wurden alsbald in großer Anzahl gerade in den damals deutschsprachigen Gebieten von zahlreichen Herstellern angefertigt. In diesen Regionen waren die zur Glasherstellung notwendigen Rohstoffe reichhaltig vorhanden und die Techniken der Glasverarbeitung entsprechend weit entwickelt. Der Karlsruher Hofkapellmeister J. a. Schmittbaur erweiterte als erster den Tonumfang seiner Harmonika von c-f'' (später c-c'''') und unterrichtete neben seinen Töchtern Therese und Lisette auch die mit vier Jahren durch eine Pockenerkrankung weitgehend erblindete Mariane Kirchgeßner (1769-1808) auf Kosten von Joseph Anton Reichsherr von Beroldingen, Domkapitular zu Speyer und Hildesheim, der junge Talente protegierte. Der Graf selbst kaufte der zehnjährigen bei Schmittbaur für 100 Speziesdukaten eine Harmonika. Im Jan. 1791 trat sie zusammen mit ihrem künftigen Begleiter und Förderer, dem einflußreichen Musikverleger Heinrich Philipp Carl Bossler und dessen Gattin, ihre erste Konzertreise durch Europa an. Ihr Harmonikakonzert in Wien am 10. Juni 1791 veranlaßte Mozart, ein Quintett für Harmonika, Flöte, Oboe, Viola und Cello (KV 617) und ein Solo-Adagio (KV 617a = KV 356) für sie zu komponieren. Am 19. Aug. folgte die Uraufführung von KV 617, das zur Grundlage ihrer zehnjährigen außergewöhnlich erfolgreichen Virtuosenreise werden sollte. Sie spielte an Adelshöfen und gab, wie damals üblich, Privatkonzerte gegen Einlaß in den Räumlichkeiten ihres jeweiligen Aufenthaltes. Sie lernte beinahe alle in ihrer Zeit lebenden und berühmten Komponisten kennen, die zumeist eigens sie und ihr Instrument mit Werken bedachten. Aufgrund ihres außergewöhnlichen musikalischen Gedächtnisses war es ihr zwar möglich, die Kompositionen allein durch Vortrag am Klavier aufzunehmen, doch sie besaß leider keine Handdruckerei oder Notensetzmaschine, die schon für Blinden-(noten-)schrift existierte, wie etwa die ebenfalls blinde und berühmte Pianistin M. th. Paradies. Deshalb ist so manche Komposition für die Harmonika für immer verloren (nicht zuletzt auch infolge verschiedener Plünderungen ihrer Residenz in Gohlis bei Leipzig sowohl durch preußische als auch durch französische Soldaten). Lediglich während ihres Aufenthaltes in London (1794-1796) erlangte Mariane Kirchgeßner durch die Behandlung des Augenarztes Dr. Fiedler kurzzeitig ein geringes Sehvermögen. Andere Harmonikaspieler und -komponisten reisten, ihrem Beispiel folgend, konzertierend durch Europa. Unter ihnen waren: Joh. Fr. Reichardt, Joh. G. Naumann, K. L. Röllig, Joh. a. p. Schulz, Johann Christian Müller (Herausgeber einer Harmonikaschule [1788] und Mitglied des Gewandhausorchesters Leipzig), das Ehepaar Johanna und Vincenc Mašek, dessen Bruder Pavel Mašek, Joh. L. Dussek, Joh. b. Kucharž, Friederike Bause und Chr. G. Breitkopf. Mariane Kirchgeßner blieb zwar die bekannteste Harmonikaspielerin, aber Pavel Mašek soll den Kritiken zufolge mindestens ebenso virtuos gewesen sein, während ein Carl Schneider aus Gotha bei weitem als der fertigste Harmonikavirtuose beschrieben wird. Neben den zahlreichen Solo- und Kammermusikwerken entstanden auch immer mehr Orchesterstücke für und Opern mit Glasharmonika. Sie fungierte in den kleineren Theatern oft als Orgelersatz und wurde in bedeutenden Inszenierungen solistisch in dramaturgischen Schlüsselszenen eingesetzt, um mit ihrer einzigartigen Klangfarbe die Besonderheit der jeweiligen Szene zu unterstreichen, z.b. in der sog. Wahnsinns-Szene in Donizettis Lucia di Lammermoor (1835 Neapel). Auch viele Dichter der Zeit, u.a. Goethe, Schiller, Jean Paul, Herder, Wieland, Schubart, E. T. a. Hoffmann und der Philosoph Hegel, äußerten sich in ihren Werken zu dem bemerkenswerten Klangcharakter der Harmonika - akustischer Ausdruck der 'Werther'-Zeit. Liszt schrieb in seinem Buch über Chopin (p. 1852) dazu, Chopin habe seinem Pleyelschen Flügel Töne entlockt, "qu'on eût cru appartenir à une de ces harmonicas dont la romanesque Allemagne conservait le monopole, et que ses anciens maîtres construisaient si ingénieusement, en mariant le cristal et l'eau" (Frédéric Chopin, p. 1852, s. 83). In dem polnischen nationalen Unabhängigkeitsdrama Der Abend der Vorfahren (aus Die bücher des polnischen Volkes und der polnischen Pilgerschaft, p. 1832) von Adam Bernhard Mickiewicz gar spielt die Harmonika in der Schlüsselszene, den Visionen des Protagonisten Konrad, eine bedeutende metaphorische Rolle. Auch in Rußland war die Harmonika sehr bekannt. Puschkin hörte in den "zauberhaften Klängen [...] etwas Überirdisches" (Russkaja Starina 1881, Buch 8; zit. nach a. Buchner 1971, s. 39). Eine gewisse Gegenbewegung ging hauptsächlich von den Neidern und Gegnern des Wiener Arztes und Gelehrten Franz Anton Mesmer (1734-1815) aus, der die Harmonika in seinen 'Therapien' verwendete (Abb. 5). Nach einem gesellschaftlichen Abend bei Mesmer schreibt L. Mozart am 12. Aug. 1773 an seine Frau in Salzburg: "weist du das der H: v Messmer recht gut die Harmonica der Miß Devis spielt? er ist der einzige der es in Wienn gelernt hat, und hat eine viel schönere Gläser Machine als die Miß Devis hatte. der Wolfg: hat auch schon darauf gespielt, wenn wir nur eine hätten" (Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe, hrsg. von der Internat. Stiftung Mozarteum Salzburg, Bd. 1, Kassel u.a. 1962, s. 486). Über Mesmer wurde berichtet, daß er auf der Glasharmonika zu seiner angenehmen Tenorstimme improvisiert habe. Auch Haydn und Gluck zählten zu seinen Freunden, wobei Gluck, oft durch Mesmers Harmonikaspiel begeistert, ihm das Versprechen abnahm, "niemals anders als so, nämlich blos phantasierend, ohne Noten und künstliche Stücke diese Tonglocken zu berühren" (nach J. Kerner, F. a. Mesmer, Ffm. 1856, s. 202, und Karl Christian Wolfart, Mesmerismus, Bln. 1814). Erstaunlicherweise findet sich kein Hinweis darauf, daß Gluck Mesmer von seinen eigenen, fast 40 Jahren zurückliegenden Erfahrungen mit den Musical glasses berichtet hat. Eigentlich berühmt wurde Mesmer mit seiner Theorie des "Thierischen Magnetismus", mit der er die Grundlagen zur Psychotherapie und zu vielen 'Naturheilpraktiken' schuf. Da er in seinen magnetischen Behandlungen auch die Glasharmonika gelegentlich zur 'Nachbehandlung und Entspannung' der Patienten einsetzte, geriet sie in die Kritik derer, die in Mesmer einen Scharlatan sahen. Sie behaupteten, daß die Schwingungen der Harmonika das Nervensystem 'enervierten' und 'zerrütteten' und der Bleigehalt der Gläser Krankheiten verursache. Zwar wurde beidem ebenso heftig widersprochen, aber Diskussionen dieser Art um Wirkung und Auswirkung der 'gläsernen Töne', wie sie genannt wurden, trug nicht gerade zur Etablierung der Harmonika als ständiges Solo- bzw. Orchesterinstrument bei. Trotz beträchtlicher Behandlungserfolge von Mesmer und seinen Schülern, z.b. von Wolfart in den Berliner Kriegslazaretten und des französischen Generals La Fayette im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, lehnte auch Franklin, der sich eigens von Mesmers fertigem Harmonikaspiel in Paris überzeugte, seine Lehren ab, während Washington Mesmer brieflich seine Anerkennung mitteilte (H. Hirsch, Mesmerism and Revolutionary American, in: American-German Review 9, Okt. 1943). Unter den Harmonikaspielern des 19. Jh. waren die wichtigsten nach dem Tode von Mariane Kirchgeßner Carl Schneider, die Schauspielerin Madame Sophie Friederike Krickeberg (1770-1842), die E. T. a. Hoffmann mit dem Instrument bekannt machten, der Schweizer Komponist und Musikpädagoge Fr. X. Schnyder von Wartensee und der Hofbibliothekar und Kammermusikus Carl Ferdinand Pohl (1781-1869). Gottfried Keller beschreibt in seiner Erinnerung an X. s. von Wartensee (Neue Zürcher Ztg., 23. und 25. Jan. 1869) ein nächtliches Privatkonzert: "nun begann das Spiel mit den geisterhaftesten Tönen, die ich je gehört, bis sie in voller Harmonie zusammenflossen [...]". Auch Paganini ließ sich von Wartensee vorspielen und äußerte bewegt: "Ah, quelle céleste voix! Cela est vraiment pour prier!" (ebd.). Wartensee verbrachte seinen Lebensabend in Frankfurt am Main und spielte öfters die Glasharmonika in den Frankfurter Museumskonzerten. Die Familie Pohl (Kreibitz/Nordböhmen) stellte Harmonikas von 1785 bis 1945 in fünf Generationen her. Unter ihnen wurde Carl Ferdinand Pohl (1781-1869) der bekannteste, da die Fürstin Luise in Darmstadt selbst Harmonika spielte und den "Kammermusikus Pohl als Harmonicaspieler" in den Jahren 1818 bis 1830 in der Hofkapelle beschäftigen ließ. Ab etwa 1830 geriet die Glasharmonika mehr und mehr in Vergessenheit, da andere Instrumente mit ähnlicher dynamischer Ausdrucksfähigkeit existierten wie die Physharmonika Anton Haeckls (--> Harmonium; ihr name ist der Glasharmonika entlehnt, um von deren Popularität zu profitieren) und ihre spätere Vervollkommnung, das Harmonium (1842 Patentanmeldung des Pariser Orgelbauers Alexandre-François Debain). Diese neuartigen 'Harmonika'-Instrumente machten den Zusatz Glasharmonika (engl. glass harmonica, frz. harmonica, ital. armonica) notwendig. Zusammen mit dem aufkommenden Hammerklavier waren diese Instrumente nicht ganz so teuer, weniger zerbrechlich und für eine breite Schicht musikalisch vielseitiger einzusetzen. Der immer gewaltigere Orchesterklang und die Tendenz zu expressiver solistischer Virtuosität verdrängten schließlich die stillere Kammermusik und die Glasharmonika als ein typisches Instrument dieses Genres. Ein großes Problem bestand für die Harmonika auch in den sich ständig und nicht einheitlich wandelnden Orchesterstimmungen, denn ist ein solch kostbares Instrument erst einmal glücklich vollendet, ist es sehr aufwendig, kostspielig und riskant, die Schalen nachträglich noch einmal durch Schleifen abzustimmen, um es an örtliche Stimmungen anzupassen. Daran wird auch Mendelssohn auf seiner intensiven Suche nach einer Harmonika, nebst Spieler, für eines seiner symphonischen Werke gescheitert sein (Brief an den Musiklehrer Helwig vom 1. Jan. 1837; GB-Lbm/bl, Add.MS.33965, s. 225ff.), wie auch 1835 die UA der Lucia aus ähnlichem Grund ohne Harmonika stattfinden mußte. Erst Strauss nahm 1919 für seine Oper Die Frau ohne Schatten große Mühen und Kosten auf sich, um die Glasharmonika in der Schlüsselszene des Werkes im 3. Akt einsetzen zu können. Franz Schalk, der Dirigent der UA, wurde mit der Besorgung der Harmonika beauftragt und schrieb Strauss am 12. Juli 19: "Brief [...] samt Glasharmonika-Photographie ist in meinen Händen [...]. Was soll nun mit dieser Teufelsharmonika geschehen? Hinschicken kann man doch niemanden: d.h. es wird keiner wollen. Nach der Photographie hat die Bestie keine Claviatur - nun könnte man die Stelle aus der Frau o. Sch. ja auch ohne Claviatur herausbringen; das verlangt aber eine wochenlange Einübung. Bitte entscheiden Sie, ob wir das Instrument auf gut Glück bestellen sollen und telegraphieren sogleich [...] an hr. Carl Ferd. Pohl [...]. Einer der Jünglinge in Wien soll sich dann mit der Einübung schinden". Strauss antwortete ihm am 21. Juli 1919: "Bitte die Glasharmonika sofort, auf mein Risiko hin zu bestellen! Schlimmstenfalls bezahle ich sie selbst" (Briefwechsel, hrsg. von G. Brosche, Tutzing 1983). Carl Ferdinand Pohl (1860-1945), der Urenkel des gleichnamigen Harmonikabauers C. F. Pohl (s.o.), der bis dahin als letzter Harmonikaspieler die Mozartwerke für Glasharmonika bei den Salzburger Festspielen 1924 interpretieren sollte, fertigte schließlich drei Instrumente an, je eines für die Opernhäuser in Wien, Dresden und München. Ob die Instrumente je in der Frau ohne Schatten eingesetzt worden sind, ist zu bezweifeln, da das Instrument der Uraufführung mit verbogener Achse eintraf und die Instrumente aus Dresden und München noch 1941 zu Pohl nach Kreibitz zur Reparatur geschickt wurden, von wo sie vermutlich nicht mehr zurückkamen. Wie heute (1995) noch lebende Angehörige der Familie Pohl berichteten, schickte der NSDAP-Vorsitzende der Reichkulturkammer Goebbels noch Schüler zu Carl Ferdinand Pohl, doch starb mit diesem im Flüchtlingslager in Zittau eine Tradition, die unmittelbar bis zur Musik Mozarts zurückreichte, denn der Verbleib seiner Schüler ist bis heute ungewiß. 1956 versuchten Corning Glass und M.i.T./Boston zusammen mit dem Orgelbauer Schlicker und dem berühmten Organisten Edward Power Biggs zum Gedenken an den 250sten Geburtstag Franklins und zum 200sten Geburtstag Mozarts, eine (Tastatur-)Glasharmonika neu zu bauen, da die Museumsinstrumente unspielbar waren. Trotz immenser finanzieller Aufwendungen scheiterte das Projekt, da die Töne zu schlecht ansprachen und auf dem entstandenen Instrument nur kleinere Solostücke zu verwirklichen waren. Erst ab 1983 etwa gelang es wieder für anspruchsvolle Harmonikawerke zu gebrauchende Glasharmonikas herzustellen, und seit der zeitgleichen Gründung der Vereinigung Glass-Music-International (Loveland/Col.) gibt es heute weltweit etwa zehn Harmonikaspieler und etwa 130 Glasmusiker. |
Abb. 4: Die Armonica von Benjamin Franklin, wie sie in der zweiten Ausgabe von Franklins Brief an den Physiker Giovanni Battista Beccaria (Mld. 1776; L'Armonica. Lettera del Signor Beniamino Franklin al Padre Giambatista Beccaria Regio Professore nell' Università di Torino) als Stich wiedergegeben wird Abb. 5: Karikatur eines unbekannten Künstlers auf den Arzt Franz Anton Mesmer, dargestellt beim Magnetisieren, zu dessen musikalischen Hilfsmitteln auch die Glasharmonika gehörte (aus: Jean Jaques Paulet, L'Antimagnétisme, L. 1984) |
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